Alle Inhalte in diesen Artikel wurden von Mario Habersack verfasst.

Physiotherapie bei einem Wadenbeinbruch

Der Wadenbeinbruch ist eine, meist durch äußere Gewalteinwirkung oder ein extremes Umknicken des Fußes verursachte, Knochenverletzung des äußeren, unterschenkelbildenden Röhrenknochens.

Der schmale Wadenbeinknochen ist weitaus häufiger von Brüchen betroffen als das neben ihm liegende Schienbein. Die häufigste Form des Wadenbeinbruchs befindet sich kurz oberhalb des Sprunggelenks.


Heilungsdauer

Die Heilung eines Knochens gestaltet sich recht langwierig, wobei es auch immer auf Bruchform, Komplikationen und auch individuellen Zustand des Patienten ankommt. Bis sich neue Fasern gebildet haben und die Bruchstelle zusammenwächst, dauert es etwa sechs Wochen. Anschließend müssen sich die neuen Fasern verfestigen, um später Belastungen wieder standhalten zu können, was sich bis zu drei Monaten hinzieht. Zur vollen Ausheilung kann ein ganzes Jahr vergehen.

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Kann ich einen unbemerkten Wadenbeinbruch haben?

Neben der Ursache von äußerer Gewalteinwirkung kann es durch ständige Überlastung und minimalen wiederkehrenden Verletzungen des Knochengewebes zum Ermüdungsbruch kommen, welcher meist am Schaft auftritt. Es handelt sich nur um einen kleinen Riss und kann tatsächlich unbemerkt von statten gehen.

Das Problem eines unbemerkten Wadenbeinbruchs ist, dass die Strukturen nicht ausreichend geschont und behandelt werden. Somit besteht die Gefahr, dass die Knochenteile nicht korrekt zusammen wachsen und ein sogenanntes Falschgelenk entsteht, was die Stabilität des Knochens einschränkt.

Physiotherapeutische Intervention

Nach dem Erleiden eines Wadenbeinbruches wird der Patient in der Regel an einen Physiotherapeuten überwiesen, mit wessen Zusammenarbeit ein Weg erarbeitet wird, den Körper zur Heilung anzuregen. Es wird ein angepasstes, alltagsgerechtes Verhalten erlernt und später ein aktives Übungsprogramm entwickelt, um zur alten Funktionsfähigkeit und dem Sport zurückzukehren.

Orientiert wird sich bei der Behandlung an den körpereigenen Wundheilungsphasen:

  • Zunächst besteht die Entzündungsphase, in welcher sämtliche Zellen zum Verletzungsort strömen, Körperchen aufräumen und vorübergehende Fasern die Wunde schließen. Durch den erhöhten Stoffwechsel, Einblutung der Gewebeverletzung und Aufräumarbeiten kommt es in dieser, nur wenige Tage andauernden Phase zu Schwellung, Rötung und Überwärmung. Hier wird das Bein hauptsächlich hochgelagert, gekühlt und entlastet.
  • Anschließend folgt die Proliferationsphase. Hier wird das vorübergehende Gewebe durch sich langsam neubildende Gewebs- und Knochenfasern ersetzt. Strukturen müssen noch immer geschont werden, jedoch benötigen die neuen Fasern angepasste Reize, sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Mobilisation, sowie spezifische Druck- und Zugbelastungen schützen vor Verklebungen und weisen das neugebildete Gewebe in die richtige Richtung. Außerdem werden umliegende Gelenke mobilisiert, Muskelketten, die durch die Verletzung verspannt sind, massiert, ausgestrichen, gelockert und gedehnt. Statische Muskelübungen, ohne die Strukturen groß zu belasten oder bewegen können nach und nach vermehrt durchgeführt werden, um vor Kraftverlust zu schützen.
  • Die letzte Phase in der körpereigenen Wundheilung ist die Umbauphase. Das Gewebe hat sich komplett neu gebildet, der Bruch ist zusammengewachsen. Nun heißt es, dies zu stabilisieren, um zu alter Funktion zurückzukehren. Es wird aktiv und unter voller Belastung gearbeitet. Hierzu werden im Folgenden einige Übungen vorgestellt.

Übungen

Nachdem der Knochen wieder zusammengewachsen und Gewebe geheilt ist, muss im Bein wieder Kraft, Stabilität, Tiefensensibilität und Mobilität hergestellt werden. Eine Therapiemethode, welche alle dieser Bereiche in ihrer Behandlung einschließt, ist das sogenannte PNF-Konzept (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation).

In dreidimensionalen Bahnen wird das gesamte Bein, mit all seinen Muskelketten, durchbewegt und gekräftigt und damit an alltägliche und sportliche Anforderungen angepasst. Dies erfolgt in verschiedenen Stufen, wobei das Bein zunächst vom Therapeuten im angepassten Mustern bewegt wird, bis zur aktiven Bewegung vom Patienten und schließlich wird es über manuelle Widerstände gekräftigt. Bei sicherer Durchführung können die Bewegungen schließlich mit Hilfe eines Therabandes als eigenes Übungsprogramm durchgeführt werden.

Als weitere Maßnahme in der letzten Regenerationsphase des Wadenbeinbruchs eignet sich ein Propriozeptionstraining, bei dem  unebene Untergründe verwendet werden.
Hierzu zählen:

  • das Balancieren auf einem Wackelbrett, einbeinig, beidbeinig, mit verschlossenen Augen,
  • Parcours
  • weiche Matten
  • ein Zehenspitzenstand kombiniert mit unterschiedlichen Erschwerungen wie zum Beispiel das Werfen und Fangen eines Balles.

Um die Muskeln im gesamten Bein zu trainieren, empfiehlt sich zusätzlich ein gerätegestütztes Training.

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Weitere Maßnahmen

Neben der aktiven Krankengymnastik können in der Behandlung eines Wadenbeinbruches verschiedenen weitere Maßnahmen angewandt werden, um Strukturen zu lockern, Schmerzen zu lindern und die Heilung zu fördern.

Je nach individuellen Symptomen können hierbei Elektroanwendungen durchgeführt werden, Wärme- und Kältetherapien, Massagen bishin zu tiefen Faszientechniken, verschiedene Dehnungen und später, besonders beim Wiedereinstieg in den Sport, die Unterstützung durch Tapeanlagen.

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Operation

Zur Operation eines Wadenbeinbruches kommt es dann, wenn das Gelenk mitbetroffen ist, wenn die Fraktur disloziert ist - das heißt die Knochenteile weit verschoben sind - wenn mehrere Bruchstücke vorliegen oder die konservative Therapie nicht erfolgreich ist und der Knochen nicht zusammenwächst.

Je nach Bruchform existieren verschiedene Methoden, die Knochenteile wieder aneinander zu fixieren. Es können Schrauben oder Platten eingesetzt werden, oder ein sogenannter Fixateur Externe, bei dem Metallstäbe von außen in den Körper greifen und somit im Laufe des Zusammenwachsens verstellt und an die Heilung angepasst werden können. Gerissene Bänder werden zusammengenäht.

Nach der Operation erfolgt eine ähnliche sich an die Wundheilung angepasste physiotherapeutische Behandlung wie bei der konservativen Heilung.

Schienbeinbruch

Zum Bruch des kräftigeren Schienbeins am Unterschenkel kommt es im Vergleich zum Wadenbeinbruch relativ selten. Der Schienbeinknochen hat seine schwächste Stelle oberhalb des Sprunggelenks, wodurch auch dieser Knochen am häufigsten an beschriebener Stelle bricht. Ursache ist ein extremes Umknicken des Fußes, eventuell kombiniert mit äußerer Gewalteinwirkung oder auch Verkehrs- und Sportunfälle (Fußball, Ski, Snowboard,..).

Belastung des Beines wird dabei sehr schmerzhaft, ein Auftreten mit dem Fuß ist kaum noch möglich. Die gebrochene Stelle schwillt an, eventuell mit Hämatombildung. Sind die Knochenenden nicht zu weit von ihrem Ursprungsort entfernt, wird das Bein für etwa sechs Wochen eingegipst, sodass die Knochen ohne operativen Eingriff zusammenwachsen können. Hier ist es wichtig, die neuen Fasern nicht zu früh zu belasten und dem Ganzen Zeit zur Regeneration zu geben. Dennoch sollten zum richtigen Zeitpunkt spezifische Reize gesetzt werden, um die neuen Strukturen auf ihre späteren Anforderungen vorzubereiten.

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Sprunggelenksfraktur

Schwerwiegender als einfache Knochenbrüche, welche meist ohne Operation behandelt werden können, sind Brüche mit Gelenkbeteiligung. Im Bereich der Wadenbein- und Schienbeinbrüche besteht die Gefahr, dass das Sprunggelenk in Mitleidenschaft gezogen wird.

Das Sprunggelenk verbindet beide Unterschenkelknochen mit dem Fuß und trägt im Stand und Gang das gesamte Körpergewicht. Da Gelenkfrakturen der Gefahr laufen, Folgeerkrankungen wie die Bildung einer Arthrose zu entwickeln, werden diese meist Operativ versorgt. Außerdem ist die Stabilität des Beines nach einer Sprunggelenksfraktur stark eingeschränkt, da meist auch andere stabilisierende Strukturen wie umliegende Bänder mit rupturiert sind. Auch diese werden während des operativen Eingriffs wieder zusammengenäht. Die Knochen werden durch Schrauben oder Platten wieder aneinander fixiert. Trotz früh beginnender funktioneller Nachbehandlung, muss dem Körper genügend Zeit zur Bildung von neuen Knochen- und Gewebefasern gegeben werden.

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Zusammenfassung

Das Wadenbein ist ein langer schmaler Knochen, welcher gemeinsam mit dem Schienbein den Unterschenkel bildet. Er befindet sich auf der Unterschenkel-Außenseite. Am oberen Ende ist er außen unterhalb des Kniegelenks zu spüren. Am unteren Ende ist er zusammen mit dem Schienbein und den Fußknochen am Aufbau des Sprunggelenks beteiligt. Die meiste tragende Last übernimmt der kräftige Schienbeinknochen, das Wadenbein unterstützt diesen und federt durch seinen flexibleren Aufbau Bewegungsbelastungen ab. Durch seinen schlanken Aufbau ist er im Vergleich zum Schienbein recht häufig Verletzungen ausgesetzt. Durch äußere Gewalteinwirkung, wovon meist Sportler betroffen sind, kann es zum Bruch des Knochens kommen.

Je nach Verletzungsmechanismus liegt die Bruchstelle kurz unterhalb des Wadenbeinkopfes, also dem oberen Ende, in der Mitte des Knochens (Schaft) oder kurz über dem Sprunggelenk, was durch extremes Umknicken eine relativ häufige Form des Wadenbeinbruchs darstellt. Symptomatisch treten starke Schmerzen und Schwellung im gebrochenen Bereich auf, die Belastbarkeit und Funktionsfähigkeit sind eingeschränkt.

In der Regel wird ein Wadenbeinbruch für sechs Wochen eingegipst und anschließend in der Physiotherapie ausbehandelt. Schwerwiegende oder komplizierte Brüche, besonders mit Gelenkbeteiligung, sollten operiert werden.

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