Osteopathie Bandscheibenvorfall



Einleitung

Der Bandscheibenvorfall zählt zu den häufigsten orthopädischen Erkrankungen und steigt aufgrund der starken körperlichen Belastung, weniger Ausgleichstraining und geringere Belastungsfähigkeit immer weiter an. Der Bandscheibenvorfall der LWS überwiegt dem Bandscheibenvorfall der HWS und BWS. Die Bandscheiben sind mit Wasser gefüllt und haben eine Pufferfunktion. Bei starken Belastungen, v.a. bei Stauchungsbelastungen fangen diese die Belastung ab, damit es zu keinen knöchernen Verletzungen kommen kann. Bei starker akuter Belastung oder nach langen chronischer Belastungen kommt es zu einer Strukturveränderungen am Rande der Bandscheibe (Anulus fibrosus). Daraufhin kann es dazu führen, dass sich Bandscheibenmaterial vorwölbt (Protrusion), im weiteren Verlauf die Struktur komplett einreißt und sich das Bandscheibenmaterial in Richtung des Foramen intervertebrale (Zwischenwirbelöffnung) schiebt (Prolaps). Im schlimmsten Falle verliert das Bandscheibenmaterial komplett den Kontakt zur Bandscheibe (Sequester). Je nachdem in welche Richtung das Bandscheibenmaterial verschoben ist, kann es zu Beeinträchtigungen der Nervenwurzel oder Rückenmarks kommen.

Mehr Informationen über einen Bandscheibenvorfall erfahren sie unter Krankengymnastik Bandscheibenvorfall

Osteopathische Intervention

Ein Bandscheibenvorfall muss nicht immer sofort operiert werden. Um eine Operation zu vermeiden ist es wichtig die Ursache für die Problematik zu finden. Eine osteopathische Sitzung hilft dabei die Ursachen für einen Bandscheibenvorfall zu finden. Im Vergleich zu einer physiotherapeutischen Sitzung, die meistens nur 20-30 Minuten umfasst und in der eher symptombezogen behandelt wird, ist die Osteopathie ein ganzheitliches Verfahren. Der Osteopath macht sich zu Beginn ein umfangreiches Bild über den Patienten. Dabei erfährt er über die Lebensgewohnheiten (Rauchen, Sport, Ernährung, Gesundheitszustand, Stress), eventuelle vorhergegangene Unfälle oder Erkrankungen der Wirbelsäule oder generell, Beruf und einschließende Belastung dabei, welche einen Bandscheibenvorfall begünstigen können. 

Inspektion

Bei der Osteopathie von einem Bandscheibenvorfall schaut sich der Osteopath die Statik des Patienten von Kopf bis Fuß an. Dabei achtet er auf die Stellung der Wirbelsäule, zeigt sich ein vermehrtes Hohlkreuz in der Lendenwirbelsäule oder vermehrte Kyphose im Bereich der Brustwirbelsäule? Schiebt sich das Becken auf einer Seite mehr raus, oder steht der Patient leicht rotiert? Außerdem schaut er sich die Stellung des Kopfes, Becken und Füße an, stehen diese übereinander und gibt es Abweichungen? Wie sind die Beine ausgerichtet, zeigen die Füße nach vorne und wie ist die Gewichtsverteilung auf den Füßen? Sind die Schultern auf der selben Höhe, gibt es Unterschiede und wie hängen die Arme neben dem Körper? Die genannten Aspekte sind nur eine grobe Zusammenfassung des eigentlich umfangreichen Befundes. Dazu kommt noch einen entsprechenden Muskeltonus zu beachten und vor allem eine Ganganalyse. Dabei zeigt sich auch schon eine Kompensation oder eine Fehlhaltung, welche über einen langen Zeitraum einen Bandscheibenvorfall verursachen können.

Palpation

Neben dieser Inspektion spielt die Palpation des Patienten bei einem Bandscheibenvorfall eine wichtige Rolle. In der Osteopathie bei einem Bandscheibenvorfall testet der Osteopath das Gewebe, nicht nur im Bereich vom Bandscheibenvorfall, auf Temperatur, Spannung und Verschieblichkeit. Eine erhöhte Temperatur ist ein Zeichen für eine Entzündung des Gewebes, eine erhöhte Spannung und weniger Verschieblichkeit deuten auf eine Schutzspannung der Muskulatur hin oder Fascien, die verklebt sind. Eine gegenteilige Annahme mit zu wenig Spannung und viel Verschieblichkeit deutet auf eine Instabilität hin. Neben der oberflächlichen Palpation untersucht der Osteopath die tieferliegenden Organe im Bauchraum und im kleinen Becken. Das erfordert ein gewisses Vertrauen zwischen Therapeut und Patient, da keine Abwehrspannung der Bauchmuskulatur entstehen darf. Hierbei untersucht der Osteopath die Verschieblichkeit der Organe zueinander oder die generelle Festigkeit. Lässt sich das Organ kaum in seiner Position verändern, deutet das auf eine Verklebung oder sonstige Veränderung des Organs hin. Die verringerte Mobilität kann weiterlaufend zu einer Stauung im Bauchraum führen, sodass die Funktion der einzelnen Organe nicht mehr zu hundert Prozent gewährleistet ist. Außerdem sind die Aufhängestrukturen der Organe ebenfalls wichtig zu beurteilen. Sind diese durch die Veränderung des Organs selber zu fest, könnte es zu einem vermehrten Zug im Bereich der Wirbelsäule kommen, die dann eine Fehlstellung hervorrufen. Die Bandscheiben können dann nicht mehr optimal versorgt werden. 

Testung der Gelenke

Möglicherweise ist nicht das Organ die Ursache für die Problematik, sondern die Wirbelsäule selber. Blockaden oder Fehlstellungen können die Nerven irritieren, welche die Organe innervieren. Durch spezifische Untersuchungen und Testungen spürt der Osteopath die Fehlstellungen auf. Zusätzlich testet der Osteopath bei einem Bandscheibenvorfall alle Gelenke auf den Bewegungsradius, um mögliche Defizite, die einen veränderten Muskeltonus mit sich bringen, zu finden und später zu behandeln. Für eine folgende Behandlung ist außerdem wichtig zu wissen, ob es sich um einen Achselprolaps (Mediolateraler Prolaps) oder einen Schulterprolaps (lateraler Prolaps) handelt. Die Überprüfung geschieht durch eine Traktion oder Kompression auf die Wirbelsäule, je nachdem, was die Schmerzen auslöst muss die Gegenrichtung in die Behandlung eingebunden werden.

Sensibilitätsprüfung

Außerdem testet der Osteopath den Verlauf des Dermatoms (Sensibilität der Haut entsprechend der innervierten Segmente), Myotom (Muskelkraft entsprechend der innervierten Segmente) und Reflexe. Das zeigt den bestehenden Ausmaß des Bandscheibenvorfalles, wie stark die Strukturen betroffen sind. Zudem kommen noch Nerventestungen, um neben den Nerven andere Strukturen (wie Dura mater, Piriformis, Kongestion im Bauchraum) auszuschließen. Sind die Testungen positiv auf eines der Strukturen, können diese dementsprechend behandelt werden.

Nach dem umfangreichen Befund steht die Behandlung an. Ist der Bandscheibenvorfall akut ist extreme Vorsicht geboten. Der Patient hat starke Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, was die genaue Befundung schwierig macht. Um eine Verschlimmerung des Bandscheibenvorfalls zu vermeiden sollte nur so befundet werden, wie der Patient es zulässt und in der Behandlung auf die Schmerzen eingegangen werden. Ist der Patient soweit fit, dass der komplette o.g. Befund erstellt werden kann ist dementsprechend die Behandlung anzusetzen. Zeigen sich beim Befund Blockaden sollten die zuerst versucht werden zu lösen, damit die Durchblutung und die Innervation der Nerven wieder komplett gewährleistet ist. Ebenso lässt die Spannung in den Organen automatisch schon nach, falls das Segment das Problem ausgelöst hat. Diese Blockaden können durch Mobilisation in einer bestimmten Position gelöst werden. Manipulationen sind bei einem Bandscheibenvorfall nicht ratsam und sollten vermieden werden, um das Gewebe nicht weiter zu reizen.

Mobilisation

Eine weitere Möglichkeit zur Repositionierung des Wirbels ist die Muskel Energie Technik. Dabei wird der Patient in eine entsprechende Position eingestellt und man lässt ihn die betroffene Muskulatur anspannen, die an der Fehlstellung des Wirbels beteiligt sind. Dadurch wird automatisch der Wirbel wieder in die richtige Position gebracht. Alleine durch die Mobilisation wird die Durchblutung und der Stoffwechsel angeregt, sodass der Tonus der Muskulatur und der Fascien geringer wird. Weichteiltechniken im Bereich des Rückens können z.B. in Seitenlage erfolgen, da lässt sich der Rückenstrecker m.H. der Rotation des Beckens dehnen und kann direkt getriggert oder gedehnt werden. Natürlich bieten sich sich auch einfache Massagegriffe in Bauchlage an, um den Tonus zu senken. Die Fascien können global durch Schub am Becken Richtung Füße und Zug über die Rippen kopfwärts erfolgen oder auch lokal durch Schub mit dem Finger entlang der Fascien. Bleibt nach der Mobilisation des Wirbels der Tonus in einem anderen Muskel weiterhin erhöht, sollte dieser ebenfalls durch Weichteiltechniken oder Fascienlösung gelockert werden. Allerdings ist wichtig zu beachten, dass der Tonus nicht unmittelbar nach der Lösung der Blockade nachlässt, das geschieht meistens innerhalb der nächsten Tage, weswegen eine osteopathische Sitzung alle 6 Wochen durchgeführt werden sollte. Die Festigkeit an den Organen kann durch direkte Techniken verbessert werden. Dabei mobilisiert der Osteopath das Organ an seinem Ort und regt so die Durchblutung der Aufhängestrukturen an, die nicht direkt zu palpieren sind. Ebenso kann er in Verbindung mit langem Hebel (z.B. Bein bei Mobilisation von Blase und Gebärmutter) eine indirekte Mobilisation durchführen, falls der Patient nicht richtig locker lassen kann.

Nähere Informationen erhalten sie unter Faszientraining, Mobilisationsübungen und Bindegewebsmassage.

Nervendehnung

Liegt nach der Mobilisation weiterhin ein nervales Problem vor, kann der Nerv durch spezifische Nervendehnungen auf Länge gebracht werden, da dieser vermutlich durch längere Zeit des Abdrückens durch die Bandscheibe wieder regeneriert werden muss. Um eine generelle Verbesserung der Statik zu erzielen mobilisiert der Osteopath jedes einzelne Gelenk um auch dort eventuelle Blockaden oder Bewegungseinschränkungen aufzuspüren. In weiteren Sitzungen können diese dann durch Mobilisation und Manipulation verbessert werden. Vor allem im Bereich des Iliosacralgelenks (ISG) ist ein freier Bewegungsgrad wichtig, da in dem kleinen Gelenk, wo wenig Bewegung stattfindet, viel statische Arbeit geleistet werden muss. Eine Blockade führt zu einer Rotationsstellung des Beckens und somit zu einer veränderten Statik und die Bandscheiben werden stärker belastet. Diese gesamte Fehlstatik gilt es zu verbessern. Die Osteopathie bei einem Bandscheibenvorfall ist eine sehr schonende Behandlung und braucht vor allem viel Feingefühl. Der Osteopath arbeitet häufig mit sehr sanften Techniken, die der Patient nicht unmittelbar danach spürt. Es wird aber deutlich mehr erreicht als zu Beginn angenommen, da der Körper zur Selbstheilung aktiviert wird. Durch die Fehlstellungen kommt es zu einem Ungleichgewicht im Körper. Blut- und Lymphflüssigkeit kann nicht mehr ungehindert fließen, das Immunsystem wird über einen langen Zeitraum schlechter. Durch die osteopathischen Techniken wird das Gleichgewicht wieder hergestellt und der Körper zur Selbstheilung angeregt.

Weitere Therapeutischen Verfahren

Neben der Osteopathie sollte eine regelmäßige Physiotherapie durchgeführt werden. In dieser Therapie werden die aktuellen Symptome behandelt. Schmerzlindernde Maßnahmen, wie Traktion der Wirbelsäule oder Weichteiltechniken zur Behandlung der verspannten Muskulatur gehören zum Behandlungsspektrum. Ebenfalls wird auf ein richtiges Verhaltensmuster im Alltag hingewiesen. Dazu gehören ein richtiges Bückverhalten aber auch das aufstehen aus dem Bett. Ein extremes nach vorne neigen und gerades Aufrichten aus Rückenlage sollte vermieden werden, sondern das Aufstehen sollte über die Seitenlage erfolgen. Bei einem akuten Bandscheibenvorfall sollte das Tragen von schweren Gegenständen vermieden werden. Wichtig ist außerdem eine passendes Übungsprogramm zu erstellen. In der akuten Phase sind es kleine Übungen ohne starke Belastung der Wirbelsäule die zur Aktivierung der Rücken und Bauchmuskulatur dienen. In der späteren Phase können die Übungen Stück für Stück gesteigert werden. Befindet sich der Patient in der späteren Phase des Bandscheibenvorfalls wäre ein beaufsichtigtes Training im Fitnessstudio ratsam, um die Muskulatur intensiv zu kräftigen. Wassergymnastik und Rehasport sind ebenso zu empfehlen. Eine Ernährungsberatung wird für eine generelle Schlechte Konstitution und Ernährungsgewohnheiten empfohlen um den Körper die schädlichen Substanzen zu entziehen. Aus ärztlicher Sicht werden meistens Schmerzmittel verschrieben oder Entzündungs- und Schmerzlindernde Mittel gespritzt.

Zusammenfassung

Die Osteopathie bei einem Bandscheibenvorfall ist zu empfehlen, um eine Operationen vermeiden zu können. Je nach Ausmaß des Bandscheibenvorfalls kann auch eine osteopathische Sitzung eine Operation nicht vermeiden. Die Osteopathie ist ein ganzheitliches Therapieverfahren, der Patient wird von Kopf bis Fuß analysiert um Fehlstellungen, Bewegungseinschränkungen, Fehlbelastung und ein zu hoher Muskeltonus aufzudecken. Werden Strukturen gefunden, die Probleme machen, werden diese gezielt behandelt. Bleibt eine Verbesserung aus, wird die Wirbelsäule behandelt, da die Probleme in der Peripherie durch eine Blockade in der Wirbelsäule ausgelöst werden können. Bei einem Bandscheibenvorfall ist generell Vorsicht bei der Behandlung geboten, um eine weitere Verschlechterung der Bandscheibe zu vermeiden. Generell wird durch die Osteopathie der Körper wieder zur Selbstheilung und Selbstregulierung angeregt, da aufgrund von Statikveränderungen die Blut- und Lymphzirkulation eingeschränkt worden ist.