Zusammenhang zwischen der Halswirbelsäule und Ohrgeräuschen

Die Durchblutung für das Hören wichtiger Hirnbereiche wird durch eine Arterie übernommen, die in engem Bezug zur HWS verläuft. Bei Veränderungen der Halswirbelsäule (HWS) kann es auch zum Auftreten von Ohrgeräuschen kommen. Beispiele hierfür sind ein Tinnitus, Rauschen oder auch ein Hörverlust bestimmter Frequenzen. Dabei steht unsere HWS durch bestimmte anatomische Gegebenheiten in Verbindung zu Verschaltungszentren unserer Hörbahn. Es gibt in der Muskulatur sogar selbst Sensoren, die auf die Kerne für das Hör- und Gleichgewichtsorgan einwirken. Auch Fehlstellungen einzelner Wirbel können sich durch Ohrgeräusche bemerkbar machen und selbst unser Kiefer, der eine funktionelle Einheit mit der HWS bildet, kann unser Hören beeinflussen. Bei Fehlstellungen, degenerativen Veränderungen oder einem Schleudertrauma der HWS können diese Stellglieder mehr oder weniger stark verändert werden und es kann zu Ohrgeräuschen kommen.

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Ursachen für Ohrgeräusche

1) Die HWS hängt eng mit unserem Gleichgewichts- und Hörorgan zusammen, so gibt es beispielsweise Sensoren in unserer Schulter Nacken Muskulatur, die die Spannung in diesen Muskeln messen und diese an das Gehirn, und besonders auch an Zentren des Hör- und Gleichgewichtssinns leiten. Bei einer veränderten Haltung der HWS kommt es zu einer veränderten Spannung in der umliegenden Muskulatur und somit zu einer veränderten Beeinflussung der Hör- und Gleichgewichtskerne. Es kann somit zu Ohrgeräuschen kommen.

2) Auch eine veränderte Stellung einzelner Wirbel, eine „Blockade“ kann zu solchen Spannungsveränderungen führen, die sich dann in Ohrgeräuschen äußern. Diese können sowohl durch langfristige Fehlhaltung, als auch durch Traumata bedingt sein. Nicht zu vergessen ist auch das Kiefergelenk, welches großen Einfluss auf die Position der oberen Kopf und Halsgelenke hat. Bei Menschen die Pressen (Bruxismus) oder mit den Zähnen knirschen, treten sehr häufig Ohrgeräusche auf.

3) Ein weiterer Zusammenhang zwischen der HWS und Ohrgeräuschen besteht durch den anatomischen Verlauf der Arteria vertebralis, die unter anderem unseren Hirnstamm mit samt der Kerne für das Gleichgewichts - und das Hörorgan versorgt. Die Arterie läuft in den Querfortsätzen der Halswirbelkörper in den so genannten Foramina transversaria und kann hier besonders bei degenerativen Veränderungen eingeengt werden. Beispielsweise durch eine Arthrose der HWS kann es zu knöchernen Anbauten an den Wirbelkörpern kommen, die Löcher, durch die die  A. vertebralis zieht werden verschmälert. Bei leichten Bewegungen vor allem in die Rotation kann es zu einer weiteren Einengung kommen. Chronische oder kurzfristige Minderdurchblutung, unter anderem der Hirnstammzentren für das Hören sind die Folge und es entstehen Ohrgeräusche.

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Weitere begleitende Symptome

Wenn Ohrgeräusche von der HWS oder vom Kiefer ausgehen, können zusätzliche Symptome zu den Ohrgeräuschen auftreten. Das können einmal lokale Symptome sein wie Nackenschmerzen, Druckempfindlichkeit, Mobilitätsverluste in der Beweglichkeit der HWS, Schmerzpunkte in der Muskulatur und Spannungskopfschmerzen. Andererseits können auch fortgeleitete Symptome auftreten. Hierzu gehören Schmerzen in der oberen Extremität, also z.B. in der Schulter oder im Arm, Sensibilitätsstörungen in bestimmten Bereichen der Schulter und des Armes, oder auch motorische Ausfälle in der, von aus der HWS austretenden Nerven versorgten Muskulatur. Besonders dann, wenn die Durchblutung durch die A. vertebralis eingeschränkt ist, kann es auch zu Gleichgewichtsproblemen oder Sehstörungen kommen, da auch diese Bereiche des zentralen Nervensystems von Ästen der A. vertebralis durchblutet werden. Bei Beteiligung des Kiefergelenks können Zahnschmerzen, Schmerzen im Schläfen- und Wangenbereich oder ein Knacken im Kiefer bei Mundöffnung oder Mundschluss begleitende Symptome bei Ohrgeräuschen sein.

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Diagnose

Die Diagnose von Ohrgeräuschen beginnt mit einer genauen Anamnese, also einer Erfassung der Krankengeschichte. Bei Ohrgeräuschen, die durch die HWS bedingt sind, sollten Mittel- und Innenohrschädigungen sicher ausgeschlossen sein. Dies geschieht beim HNO Arzt durch eine körperliche Untersuchung von Ohr, Hals und Nasen-Rachen-Raum und bestimmte Hörtests, z.B. das Audiogramm. Beim Orthopäden sollte eine genaue Untersuchung der HWS erfolgen, unter anderem bei der die Beweglichkeit, die Stabilität und der Muskelstatus überprüft werden, während der Kieferorthopäde eine Untersuchung des Kiefergelenks durchführt. Besonders bei chronischen Ohrgeräuschen sollten auch psychologische Faktoren abgeklärt und ernst genommen werden. Die Ursache von häufig oder langfristig auftretenden Ohrgeräuschen sollte immer ärztlich abgeklärt werden. Sie werden nicht immer von der HWS ausgelöst und können auch andere Ursachen haben, die einer gezielten Behandlung bedürfen.

Physiotherapie

Sind Ohrgeräusche durch Veränderungen der HWS bedingt, können diese physiotherapeutisch behandelt werden. Dabei sollte immer befundorientiert therapiert werden, da es eine Vielzahl von unterschiedlichen Veränderungen der HWS gibt, die Ohrgeräusche verursachen können. Nach einer genauen Befunderhebung kann dann ein individueller Therapieplan aufgestellt werden. Meist finden in der Physiotherapie bei Veränderungen der HWS Techniken Anwendung, welche die physiologische Beweglichkeit der HWS wiederherstellen sollen. Hierzu bieten sich mobilisierende Techniken z.B. aus der Manuellen Therapie an, bei denen die Gelenke der HWS gezielt behandelt werden können. Auch eine Traktionsbehandlung kann helfen. Hierbei werden die Gelenkflächen durch leichten Zug voneinander gelöst und mobilisiert. Bei Ohrgeräuschen durch chronische Veränderungen der HWS, die durch eine Fehlhaltung bedingt sind, sollte eine Haltungskorrektur und Haltungsschulung erfolgen. Der Patient sollte Übungen zur Dehnung von verkürzten Muskeln gezeigt bekommen und es sollte ein Trainingsprogramm aufgestellt und regelmäßig durchgeführt werden um zu schwache Muskeln aufzutrainieren. Ergänzend können in der Physiotherapie passive Techniken zur Behandlung des Bindegewebes und der Muskulatur durchgeführt werden, wie Faszientechniken und Triggerpunkttherapie. Auch Elektrotherapie oder die Anlage von Tapes kann die Behandlung von Veränderungen der HWS und Ohrgeräuschen ergänzen.

Bei einer Störung des Kiefergelenks, einer so genannten craniomandibulären Dysfunktion sollte eine zahnärztliche Untersuchung des Kiefers und der Zähne erfolgen. Es kann auch eine CMD-Behandlung durch Physiotherapeuten mit entsprechender Fortbildung durchgeführt werden. Hierbei kann das Kiefergelenk mobilisiert werden und verspannte Muskulatur kann gelockert werden. Häufig ist diese Therapieform bei Ohrgeräuschen, die auch durch den Kiefer bedingt sind, hilfreich.

Prognose

Es ist nicht möglich eine einheitliche Prognose zur Entwicklung von Ohrgeräuschen, bedingt durch Veränderungen der HWS, zu machen. Die Vielzahl der Ursachen sorgt für eine Vielzahl von unterschiedlichen Behandlungen. Degenerative Prozesse sind nicht heilbar, sondern mehr oder weniger stark fortschreitende Verschleißprozesse. Nichts desto trotz kann eine Besserung von Symptomen erreicht werden. Kurzfristige, akute Veränderungen der HWS lassen sich meist auch kurzfristiger behandeln, abhängig von der Schwere der Veränderung. Grundsätzlich ist zu sagen, dass ein regelmäßiges Training besonders bei chronischen Problemen essentiell ist, um langfristige Erfolge zu erzielen. Auch die Haltung und Beanspruchung der HWS im Alltag sollte bedacht werden um eine Verbesserung der Symptomatik zu erreichen.