Physiotherapie nach einem Schleudertrauma

Beim Schleudertrauma handelt es sich um eine plötzliche schlagartige Bewegung in der Halswirbelsäule. Der typische Mechanismus ist ein schnelles kräftiges Vorbeugen gefolgt von einem übermäßigen Rückschlag des Kopfes mit Überstreckung der Halswirbelsäule, wie zum Beispiel beim Auffahrunfall im Auto. Hierbei werden Bänder ohne Vorwarnung überdehnt und Muskeln verhärten durch die plötzliche Überdehnung und Abwehrspannung. Es handelt sich also lediglich um eine Weichteilverletzung. Weitere Informationen finden Sie in dem Artikel Schleudertrauma.



Inhalte der Physiotherapie

  • Lockerung verspannter Muskulatur (Massage, Triggerpunkttherapie, Wärme)
  • Manuelle Therapie (Mobilisation)
  • Kräftigung der Muskulatur 
  • Feinkoordination
  • Aufklärung
  • Physiklalische Therapie

In der physiotherapeutischen Behandlung eines Schleudertraumas gilt es zunächst, Einfluss auf die individuellen Symptome zu nehmen. Grundlegend steht auf dem Programm, die verspannte Muskulatur zu lockern, die Schmerzen und das Schwindelgefühl zu dämmen und im fortgeschrittenen Stadium die Muskulatur zu stärken um die Stabilität auf Langzeit wieder aufzubauen. Außerdem ist eine Aufklärung des Patienten nötig, um Ängste zu nehmen, psychischen Problemen vorzubeugen und ein angemessenes Handling für den Alltag zu erlernen. Auch die Feinkoordination der Kopfbewegung steht auf dem Übungsprogramm. Um die Muskulatur nach einem Schleudertrauma zu lockern, wird in der Physiotherapie zunächst zu passiven Maßnahmen wie der klassischen Massage, Triggerpunkttherapie oder Manuellen Therapie gegriffen. Durch die Entspannung der Muskulatur wird bereits meist eine Schmerzsenkung herbeigeführt. Auch unangenehme Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl nehmen ab. In der Aufklärung des Patienten sollte ihm klar gemacht werden, dass die Symptome nicht von einer schlimmeren Gehirnverletzung kommen, sondern lediglich von den betroffenen Weichteilen, wie hier den Muskeln. Ebenso soll der Patient unphysiologische Schonhaltungen von Anfang an vermeiden. Je nach Absprache mit dem Arzt dürfen und sollen Hals und Kopf in gewissem Maße bewegt, statt starr und ruhig in einer Position gehalten zu werden, um weitere Verspannungen zu vermeiden. In der Physiotherapie werden die einzelnen Kopfbewegungen – Beugung, Streckung, Seitneigung und Drehung - langsam und geführt wieder erlernt, bis der Patient sich immer sicherer fühlt und die Bewegungen wieder im schmerzfreien Bereich und normalen Umfang durchzuführen vermag.

Weitere therapeutische Maßnahmen

Weitere Maßnahmen, um die Symptome einzudämmen und die Entspannung der Muskeln zu fördern, sind Faszientechniken, Wärmeanwendungen, Elektrotherapie oder Maßnahmen aus der Manuellen Therapie, wie die Traktion der Halswirbelsäule oder sanfte passive Mobilisationen. Sind die Strukturen wieder schmerzfrei zu bewegen, kann mit sanften Dehnübungen begonnen werden.

Symptome

Typische bei einem Schleudertrauma auftretende Symptome durch die Verspannungen und irritierte Nerven sind:

  • Schwindel
  • Übelkeit
  • teilweiser Gleichgewichts-Unsicherheit, welche sich im Gehen und Stehen bemerkbar macht
  • Spannungsschmerz in Nacken und Kopf
  • Sehstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • je nach Betroffenheit der Nerven Sensibilitätsstörungen

Übungen

1.) Um gleich die Feinabstimmung der Bewegungen mit zu trainieren eignet sich folgende Übung: Der Patient sitzt auf einem Stuhl vor einer weißen Wand. Auf seinem Kopf ist ein Stirnband mit einem Laserpointer befestigt. Nun kann er zu verschiedenen Tätigkeiten aufgefordert werden, wie zum Beispiel Buchstaben an die Wand schreiben, einer Linie/ einem Labyrinth zu folgen oder auch einem zweiten Laserpointer-Punkt, welcher vom Therapeuten bewegt wird.

Wichtig ist außerdem die Haltungsschulung im Allgemeinen. Die Haltung fängt immer bei den Füßen an, nicht erst an der Halswirbelsäule. Von unten herauf wird Stabilität aufgebaut, sodass der Kopf schließlich stabil auf dem Rumpf sitzen kann. Bei der Kräftigung der Muskulatur sollte in erster Linie auf die Haltemuskulatur Einfluss genommen werden, um den Alltagsbelastungen standzuhalten. Hierfür eignen sich vor allem statische Übungen. Zunächst kann diese aus der Rückenlage trainiert werden:

2.) Die Füße sind etwa hüftbreit voneinander entfernt aufgestellt, die Arme liegen gestreckt rechts und links neben dem Körper, die Handflächen sind zur Decke gedreht, um weiterlaufend eine Außenrotation der Schultern zu erreichen, welche eine Öffnung des Brustkorbes und somit die aufrechte Haltung unterstützt. Der Hinterkopf liegt mit langem Nacken auf einem flachen Kissen. Nun wird der Patient aufgefordert, Spannung im Körper aufzubauen, Fersen, Lendenwirbelsäule und Handrücken kräftig in die Unterlage zu drücken. Aus dieser Ausgangsposition wird der Kopf lang herausgeschoben, die Wirbelsäule geräkelt und gestreckt. Um besonders Platz und Länge in der Halswirbelsäule zu schaffen, wird das Kinn etwas herunter in Richtung Dekolté gekippt und das Kinn nach hinten geschoben, wie bei einem Doppelkinn. Oft schafft schon alleine diese Haltung eine Entspannung für Nacken und Kopf. Um die Muskeln nun zu kräftigen, wird unter Beibehaltung des langen Nackens der Hinterkopf kräftig in die Unterlage gedrückt. Zur Unterstützung und gleichzeigen Prüfung der Spannung, kann der Therapeut nun versuchen, das Kissen unter dem Kopf wegzuziehen. Dies versucht der Patient durch die Spannung und den Druck des Kopfes auf die Unterlage zu verhindern. Als Steigerung für die Muskulatur wird der Kopf im nächsten Schritt mit gestrecktem Nacken leicht von der Unterlage abgehoben und gehalten. Als nächstes kann versucht werden, die Nackenstreckung in gleicherweise aus sitzender Position herbeigeführt zu werden. Diese Übung kann schließlich in jeder Alltagssituation durchgeführt werden. 

3.) Für eine weitere Stabilitätsübung befindet der Patient sich wieder in aufrecht sitzender Position. Rumpf, Nacken und Kopf sind gestreckt und stabil. Nun gibt der Therapeut mit seinen Händen an unterschiedlichen Orten an Kopf und Schultern Widerstände, von welchen der Patient sich nicht aus seiner Position bringen lassen soll.

Weitere Übungen, welche sich auch bei einem Schleudertrauma anwenden lassen, finden Sie in den Artikeln:

Anatomie der Halswirbelsäule

Um den Verletzungsmechanismus besser zu verstehen, wird im Folgenden auf den Aufbau der Halswirbelsäule eingegangen. Die Halswirbelsäule, welche den oberen Teil der Wirbelsäule bildet, besteht aus sieben Wirbelkörpern. Der erste und zweite Wirbel weisen dabei einen besonderen Aufbau vor: um dem Kopf eine größere Beweglichkeit und Flexibilität zu verschaffen, besitzt der zweite Halswirbel (Axis) einen „Zahn“, mit welchem der erste Halswirbel (Atlas) artikuliert. Oberhalb des Atlas sitzt der Schädel. Die Wirbelkörper sind, wie in der gesamten Wirbelsäule, von Bandscheiben unterteilt, welche Lasten abfedern und gleichmäßig verteilen. Auch hier gibt es eine Besonderheit in der Halswirbelsäule: die Bandscheiben selbst weisen kleine Unterbrechungen an ihren Seite vor, was ebenfalls zu einer größeren Beweglichkeit führt. Eine größere Beweglichkeit bedeutet jedoch auch immer eine größere Gefahr für Instabilitäten und Verletzungen. Die Stabilität wird von verschiedenen Bändern (passiv), sowie der umgebenden Muskulatur (aktiv) gesichert. Wird nun bei der plötzlichen Überstreckung bei einem Schleudertrauma der Band- und Muskelapparat einmal kräftig überdehnt, kann die Stabilität nicht mehr ausreichend gewährleistet werden. Für eine lange Zeit wurden aus diesem Grund Halskrausen verordnet. Wird das Genick allerdings über lange Zeit nur noch passiv gehalten, baut die Muskulatur immer weiter ab, die Beweglichkeit wird geringer und die Instabilität und mit ihr die genannten Symptome laufen Gefahr chronisch zu werden.

Weitere Informationen zur Stabilität der Wirbelsäule erhalten Sie in dem Artikel Bänder der Wirbelsäule - Anatomie

Zusammenfassung

Bei dem meist durch Auffahrunfälle verursachten Schleudertrauma der Halswirbelsäule, handelt es sich um eine Verletzungen der umliegenden Weichteilstrukturen, einhergehend mit Muskelverspannungen, Bänderzerrungen und dadurch verursachte Bewegungseinschränkungen und Schmerzen. Abweichend von der herkömmlichen langen Ruhigstellung wird nun im frühen Stadium mit Mobilisation und Lockerungsübungen begonnen, um ein möglichst schnelles und positives Ergebnis zu erzielen.