Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom

Durch immer mehr sitzende oder gebeugte Tätigkeiten im Alltag oder Berufsleben, ist die Halswirbelsäule (HWS) ständig ungleichmäßigen Belastungen ausgesetzt. Die typische Haltung äußert sich in einem Rundrücken, nach vorne hängenden Schultern und einen in den Nacken gelegten oder vorgebeugten Kopf. Die Bandscheiben werden nicht mehr gleichermaßen mittig belastet und die Muskulatur muss ständig gegen halten. Wenn der Körper die Haltung aufgrund mangelnder Stabilität nicht mehr kompensieren kann, kommt es zu unangenehmen Symptomen. Unter dem Begriff „HWS-Syndrom“ werden diese Schmerzen und Probleme im oberen Abschnitt der Wirbelsäule, der Halswirbelsäule, zusammengefasst. Ursachen und Symptome fallen sehr unterschiedlich aus. Die Therapie/Krankengymnastik richtet sich individuell nach dem Patienten. Spezielle Übungen und Tipps dienen jedoch zur Vorbeugung und Behandlung des HWS-Syndroms.

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Physiotherapeutische Interventionen

Vor Beginn der Therapie/Krankengymnastik beim HWS Syndrom müssen alle wichtigen Strukturen der Halswirbelsäule und ihrer Umgebung zuerst klinisch untersucht werden. In der physiotherapeutischen Diagnostik werden zunächst immer die sogenannten „Sicherheitstests“ durchgeführt, die sicherstellen, dass wichtige stabilisierende Bänder intakt sind und die Gehirnversorgung durch die A. Vertebralis nicht gestört ist. Um die Arterie zu testen wird der Kopf soweit es geht zu einer Seite gedreht und leicht in den Nacken gelegt (beide Seiten müssen getestet werden). Der Patient wird aufgefordert laut bis 10 zu zählen. In dieser Position wird die Arterie zusammengedrückt, bei normaler Versorgung sollte sie jedoch trotz Kompression genug Blut ins Gehirn lassen.

Bei gestörter Versorgung können während des Tests Sprachstörungen, Sehstörungen, Benommenheit oder Übelkeit auftreten. In diesem Fall sollte die Behandlung/Krankengymnastik abgebrochen werden und der Patient zum Arzt gehen. Der zweite Sicherheitstest testet die Ligamenti (Bänder) Alaria. Hierfür ertastet der Physiotherapeut den Dornfortsatz des zweiten Halswirbelkörpers und neigt mit der anderen Hand den Kopf des Patienten zur Seite. Der Dornfortsatz sollte sich bei der Bewegung zur Gegenseite drehen. Bewegt dieser nicht mit, liegt möglicherweise eine Blockade vor. Der letzte Sicherheitstest testet das Ligamentum transversum atlantis, also ein Band um den ersten Halswirbelkörper.

Hierfür wird wieder der Dornfortsatz des zweiten Halswirbelkörpers ertastet. Der Kopf wird durch den Physiotherapeuten fixiert und der Dornfortsatz sanft nach vorne geschoben. Ist das Band intakt, sollte sich hier nichts bewegen. Sind die Tests negativ kann die aktive und passive Untersuchung aller Bewegungen der Halswirbelsäule (Streckung, Beugung, Drehung, Seitneigung) durchgeführt werden. Auch die Bewegung der einzelnen Wirbelkörper gegeneinander wird durch Manuelle Techniken getestet. Während der gesamten Untersuchung wird auf Bewegungseinschränkungen, zu viel Bewegung und schmerzhafte Bewegungen geachtet.

Schließlich wird die umgebende Muskulatur auf Länge und Kraft getestet. Sind die Nerven mitbetroffen gibt es verschiedenen Untersuchungen, welche die Leitfähigkeit testen und die einzelnen Nerven differenzieren können (ULNTs). Auch die Reflexe sollten in diesem Fall mit getestet werden sowie die Fähigkeit, verschiedenen Reize wahrzunehmen (Warm, Kalt, Spitz, Stumpf). Für die Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom stehen je nach Ergebnissen der Untersuchung verschiedenen Ziele im Vordergrund. Wurde eine Instabilität festgestellt, muss die stabilisierende Muskulatur und eventuell die Koordination trainiert werden.

Lesen sie hierzu den Artikel Krankengymnastik Koordinationsübungen.

Bei Blockaden müssen diese gelöst und das Bewegungsausmaß erweitert werden. Lesen Sie mehr dazu unter HWS-Blockade.

Bei Verspannungen steht ebenfalls die Mobilisierung, Bewegungserweiterung und Detonisierung – also die Entspannung – im Vordergrund. Bei Schmerzen sollte die Strukturen zunächst entlastet werden und die Ursache für den Schmerz herausgefunden werden. Liegt hierfür eine Instabilität oder Fehlhaltung vor sollte nach Schmerzreduktion an dieser Ursache gearbeitet werden. Nerven können mobilisert werden, sodass die Gleitfähigkeit wieder hergestellt wird und schließlich wird auch hier die Ursache für die Kompression behandelt.

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Übungen

HWS Syndrom Übung 1
Um stabilisierende Muskulatur zu kräftigen und den Strukturen der HWS mehr Raum zu machen indem diese gestreckt wird, liegt der Patient zunächst in Rückenlage, die Füße sind aufgestellt. Der Kopf liegt Flach auf der Unterlage. Nun wird versucht den Hinterkopf gerade nach unten zu schieben und gleichzeitig das Kinn nach hinten zu schieben wie als würde ein Doppelkinn gemacht werden. Dies streckt den Nacken und stabilisiert diesen gleichzeitig. Diese Position wird drei Mal für je 10 Sekunden gehalten. Der Physiotherapeut kontrolliert, dass der Patient den Kopf nicht in den Nacken legt – also wieder falsch belastet - und dass die Muskeln im vorderen Halsbereich locker bleiben.

HWS Syndrom Übung 2
Eine weitere Kräftigungsübung aus der Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom bedient sich als Erschwerung dem langen Hebel der Arme. Im aufrechten Sitz – dieser beginnt immer bei den Füßen, welche parallel aufgestellt werden, hüftbreit auseinander, der untere Rücken wird aufgerichtet, die Brust nach vorn oben herausgerichtet und der Nacken wie oben erklärt gestreckt – werden die Arme auf beiden Seiten ausgestreckt gehalten. Die Handflächen zeigen Richtung Boden. Die Handrücken sollten sich die ganze Zeit über auf Schulterhöhe befinden, nicht höher. Beim Ermüden sinken die schweren Arme schnell ab, noch einmal nach korrigieren und einige Sekunden mehr halten.

Alternativ können die gestreckten Arme in kleinen schnellen Bewegungen auf und ab gefedert werden, der Körper sollte dabei stabil und ruhig bleiben. Eine weitere Variation ist die Drehung der Arme. Im schnellen Wechsel werden die gestreckten Arme nach oben und unten gedreht, sodass im Wechsel Handrücken und Handfläche zum Boden oder zur Decke zeigen. Versuchen Sie, entgegengesetzt zu arbeiten: wenn die linke Handfläche nach unten zeigt, zeigt die rechte nach oben. Dies schult gleich die Koordination mit. Bei einer weiteren statischen Übung aus der Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom gibt sich der Patient selbst Widerstände am Kopf. Die eigene Hand drückt gegen die Schläfe, die Stirn oder andere Punkte. Dabei wird versucht, den Kopf entgegen des Widerstandes grade zu halten.

HWS Syndrom Übung 3
Für die Schulung der Koordination in der Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom wird dem Patienten ein Stirnband mit daran befestigtem Laserpointer auf den Kopf gesetzt. Er soll sich aufgerichtet vor eine weiße Wand setzen und durch Kopfbewegung mit dem Pointer eine Strecke nachmalen ohne abzuweichen. Alternativ hält der Physiotherapeut den Laserpointer und der Patient soll dem Punkt an der Wand mit seinen Augen und Kopfbewegungen folgen.

HWS Syndrom Übung 4
Blockierte Wirbel kann der Patient mittels Handtuch selbst mobilisieren. Das Handtuch wird zu einem langen Streifen zusammengefaltet und mit der oberen Kante an den Dornfortsatz des blockierten Wirbels in den Nacken gelegt. Mit den Händen werden die Enden des Handtuchs stramm nach vorn gehalten, das Kinn und der Hinterkopf werden entgegen dem Handtuchzug dynamisch nach hinten geschoben und wieder gelöst. Solang dies angenehm ist, kann die Übung einige Male wiederholt werden.

Weitere Übungen finden Sie unter:

Dehnübung

Um die Nackenmuskulatur zu dehnen nimmt der Patient eine aufrechte Sitzposition ein. Der Kopf wird zur Seite geneigt, sodass sich das Ohr der Schulter nähert – die Schulter wird jedoch nicht hochgezogen. Die Schulter der Gegenseite schiebt nach unten Richtung Boden. Um die Dehnung zu verstärken wird der Kopf nun zusätzlich zur geneigten Seite gedreht. Die Dehnung auf jeder Seite 30 Sekunden halten und langsam lösen. Bevor gedehnt wird bietet es sich an die Strukturen etwas aufzuwärmen und zu lockern, indem die Schulter und Arme einige Male nach hinten gekreist werden.

Lesen sie mehr zu diesem Thema unter:

Anatomie der Halswirbelsäule

Die Halswirbelsäule (HWS), bestehend aus 7 Wirbeln (C1-C7), bildet den oberen Teil der Wirbelsäule. Besonderheiten in ihrer Form bilden die beiden obersten Wirbelkörper, der 1. Und 2. Halswirbelkörper, auch Atlas und Axis genannt. Sie artikulieren mit dem Schädelknochen und sorgen somit für die Beweglichkeit des Kopfes. Der erste Halswirbelkörper besitzt keinen Dornfortsatz und sitzt auf dem sogenannten Zahn (Dens axis) des zweiten Halswirbels. Durch diesen Bau wird dem Kopf eine größere Beweglichkeit und gleichzeitig Stabilität ermöglicht.

Wie in der ganzen Wirbelsäule entspringen rechts und links aus den kleinen Löchlein zwischen den einzelnen Wirbeln die Nerven, welche schließlich weiter in den Körper laufen und diesen mit Informationen versorgen oder umgekehrt Informationen zurück an das zentrale Nervensystem senden. Die Nerven der Halswirbelsäule versorgen den Hals, die Brust, die Arme und auch das Zwerchfell – ein wichtiger Atemmuskel. Die einzelnen Wirbelkörper werden von den Bandscheiben getrennt, die Belastungen gleichmäßig verteilen und abpuffern. Die Wirbelsäule ist physiologisch von der Seite betrachtet wie ein doppeltes spiegelverkehrtes S geformt: die Halswirbelsäule bildet dabei einen Bogen nach vorn (eine sogenannte Lordose). Eine zu starke Lordose nennt man auch Hyperlordose. Diese tritt vermehrt in der LWS als sogenanntes Hohlkreuz auf.

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Was ist das HWS Syndrom?

Das sogenannte HWS-Syndrom ist ein Überbegriff für sämtliche Beschwerden der oben beschriebenen Region. Patienten mit einem HWS-Syndrom können sehr unterschiedliche Probleme klagen. Diese reichen von schmerzhaft verspannten Nackenmuskeln über ausstrahlenden Nervenschmerzen oder Gefühlsstörungen bis in die Finger, Instabilitätsgefühl in der Halswirbelsäule, Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Kraftmangel der oberen Extremität bis zu einer eingeschränkten Beweglichkeit. Je nach Lokalisation der Missempfindung oder Kraftlosigkeit lassen sich Rückschlüsse auf den Ort der Schädigung an der Halswirbelsäule ziehen. Ursächlich für die Beschwerden können einfache Fehlhaltungen sein, Fehl- und Überlastung, Abnutzung des Knorpels des kleinen Wirbelgelenke – also eine Arthrose, Unfall oder Verletzungen, verfrühte Abnutzung der Bandscheiben, beziehungsweise ein Bandscheibenvorfall. Einem HWS-Syndrom kann entweder eine strukturelle oder eine funktionelle Problematik zugrunde liegen. Von einer funktionellen Problematik wird gesprochen, wenn zum Beispiel eine falsche Haltung vorliegt, also keine Struktur an sich erkennbar beschädigt ist. Wenn allerdings in der bildgebenden Untersuchung eine Veränderung der Strukturen erkennbar ist, wird von einer strukturellen Problematik gesprochen.

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Weitere physiotherapeutische Maßnahmen

Generell ist es in der Krankengymnastik bei einem HWS Syndrom wichtig, Stabilisation von unten aufzubauen. Das heißt zuerst den Rumpf stabilisieren, Bauch und Rücken trainieren, sodass Schultern und Kopf grade darauf sitzen können. Verkehrt ist, die Schultern mit aller Kraft hinten runter zu ziehen, so verspannt der Nacken nur umso mehr. Weitere Maßnahmen um Muskeln um die Halswirbelsäule (HWS) zu Lockern oder Strukturen Halt zu geben und zu entlasten ist das Tapen. In akuten verspannten Fällen ist eine Wärmetherapie mittels Fango angebracht, in Kombination mit klassischer Massagetherapie. Dies behandelt jedoch lediglich das Symptom in dem Moment – auf Langzeit gesehen muss aktiv die Ursache behandelt werden. Mittels Manueller Techniken kann eine Traktion an der HWS ausgeübt werden, wobei mit sanftem „Zug“ am unteren Schädel Platz geschaffen wird. Mobilisationsübungen für die HWS schaffen ebenfalls eine Linderung der Beschwerden.

Zusammenfassung

Um dem HWS-Syndrom vorzubeugen, sind eine korrekte Körperhaltung, ausreichende Bewegung und ein stabiles Muskelkorsett notwendig. Besonders im Bürojob, in welchem für lange Zeit eine sitzende gebeugte Haltung eingenommen wird, während langen Autofahrten oder sonstigen statischen Positionen ist es wichtig, immer wieder seine Haltung zu korrigieren, zu ändern und den Nacken und die Arme durchzubewegen. Die oben beschriebenen Übungen aus der Krankengymnastik stärken die Haltemuskulatur und sichern somit die passiven Strukturen vor langwierigen Schäden. Zusätzlich empfiehlt es sich eine Rückenschule zu besuchen, in welcher Übungen und korrektes Verhalten in Alltagssituationen gelehrt werden. Das HWS-Syndrom beschreibt viele verschiedene Störungen im Hals- und Nackenbereich. Durch eine bewusste Haltung und auf Langzeit durchgeführte Übungen, welche ohne weiteres Material überall im Alltag durchgeführt werden können, stärken die Strukturen und Schützen vor chronischen Schäden sowie unangenehmen und langanhaltenden Schmerzen.